Die Entwicklung des Tourismus

© mare.photo
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Die industrielle Revolution hat die Arbeitswelt gravierend verändert, aber damit auch einschneidend das gesellschaftliche Leben. Dem Tourismus, der bis dahin nur einem kleinen Teil der Bevölkerung vorenthalten war, verhalf die Zeit der industriellen Revolution zum Durchbruch. Wir gehen auf Entdeckungsreise zur Geschichte des Tourismus.

Die Geschichte des Tourismus – ein kurzer Abriss

Auffallend häufig haben sich französische Begriffe in unserem Sprachgebrauch etabliert, Dazu gehört unweigerlich auch der Begriff des Reisenden als „Tourist“. Hat doch bereits die Société des Nations einen Reisenden, der sich länger als 24 Stunden im Ausland aufhält, als „touriste“ bezeichnet und sein Tun unter dem Begriff „tourisme“ definiert.

Bereits im Jahr 1810 findet der Begriff „Tourismus“ seinen Weg in die offiziellen deutschen Wörterbücher, doch beginnt er sich erst um die folgende Jahrhundertwende auch in der breiten Bevölkerung zu etablieren. Schon seit langer Zeit hat er sich parallel zu einem internationalen Synonym entwickelt, sich inhaltlich aber deutlich verändert oder erweitert.

…der Reisende, der zu seinem Vergnügen, ohne festes Ziel, zu längerem Aufenthalt sich in fremde Länder begibt…

aus dem Wörterbuch der Gebrüder Grimm, 1838

Was man zu den Anfangszeiten der Begriffsdeutung sich nicht hat vorstellen können, ist der Einzug der industriellen Revolution und die damit verbundene Erfindung der Eisenbahn wie dem Dampfschiff. Mit Einzug dieser Errungenschaften wird auf einmal auch die Mitte der Gesellschaft beweglicher, allerdings auch gut betuchte Menschen können sich von nun an wesentlich komfortabler fortbewegen. Mit Einzug der Eisenbahn startet so etwas, was wir heute als Massentourismus bezeichnen.

Wann beginnt der Tourismus

Doch beginnt der eigentliche Tourismus ja bereits lange vor dessen Begriffsdeutungen. Im Kern lassen sich seine Anfänge auf die Pilgerreisen zurück führen. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelt sich der eigentliche und definierbare Tourismus in Form von mehrwöchigen Reisen in die Seebäder oder in Kurorte quer durch Europa. 

Ist diese Urlaubs- und Erholungsform zunächst nur den Gutbetuchten, den Adeligen und Königshäusern vorbehalten, springt der Funke mit den neuen Transportmöglichkeiten von Schiff und Bahn gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch auf die Mittelschicht über. Reisezeiten schrumpfen auf einmal auf etwa einen Fünftel, Mehrtagesreisen sind auf einmal in wenigen Stunden zu machen. Ebenso erheblich reduzieren sich  die Reisekosten. In der Mitte des letzten Jahrhunderts erreicht der Tourismus dann auch die wirtschaftlich deutlich benachteiligten Schichten. 

Neben der industriellen Revolution spielt auch beispielsweise die neue soziale Gesetzgebung eine Rolle, die nun einen Urlaubsanspruch bei der arbeitenden Bevölkerung festschreibt und länger zuvor die Leibeigenschaft beendet. Aber auch Gewerkschaften wie ideologische Gruppierungen wissen um die neue Bedeutung des Reisens und so wird die neue Urlaubsform in guten wie in schlechten Absichten unterstützt.

Gründer des Massentourismus

Aus dem Tourismus ein Geschäft zu machen, das geht gewissermaßen auf den berühmten Thomas Cook zurück, die Kommerzialisierung des Reisens nahm gegen Ende des 19. Jahrhunderts die eigentliche Fahrt auf. Darunter versteht man die Entstehung von professionellen Reiseveranstaltern, aber auch von Hotels und touristischer Infrastruktur. Und so ist es Thomas Cook, der am 05. Juli 1841 in England die erste Pauschalreise anbietet. Dabei handelt es sich um eine Gesellschaftsfahrt mit der Bahn über eine Strecke von 10 Meilen mit Tee, Rosinenbrötchen und Blasmusik. Mit 570 Gästen ist diese Fahrt zwischen Leicaster und Lougborough sehr erfolgreich. Bereits 1845 gründet Thomas Cook sein erstes Reisebüro und damit das erste Reisebüro der Welt.

Der erste Reiseführer kommt aus Deutschland

Ein Name, der Urlaubern auch heute noch ein Begriff ist, wird ebenso fest mit der Entstehung des Massentourismus verbunden. Der 26jährige Karl Baedeker publiziert im Jahr 1835 seinen ersten Baedeker Reiseführer und macht damit das Reisen und Entdecken von unbekannten Orten für die breite Bevölkerung authentisch erlebbar. Akribisch beschreibt Baedeker seine Reisen und legt von Beginn an hohen Wert auf die Qualität seiner Reiseführer. Bis heute gehört ein Baedeker zu den beliebtesten und besten Reiseführern, zu denen der gleichnamige Verlag nur die besten Reisejournalisten verpflichtet.

Die ersten Europareisen mit Bahn und Schiff

Die Eisenbahn wird das Transportmittel schlechthin. Die Bahntrassen entwickeln sich durch ganz Europa und so setzt man schnell auf luxuriöse Verbindungen durch Schlaf- und Speisewagen. Im Jahr 1883 fährt der erste Schlafwagenzug als Orient-Express zwischen Paris und Giurgiu in Bulgarien auf Reise, bereits 1888 reicht die Strecke bis Istanbul. Um 1900 verbindet der Nord-Süd-Express als Luxuszug Deutschland mit Italien.

Doch die Menschen wollen nicht nur unterwegs sein sondern auch ankommen. So verändern sich die einstigen recht primitiven Absteigen der Postkutschen zu Hotels mit Empfang und Gastronomie.

Die erste Polarfahrt findet 1911 von Deutschland aus statt. In der Folge werden ehemalige Auswandererschiffe zu den ersten Kreuzfahrtschiffen umgebaut und gehen auf fernere Reisen.

Die ersten Seebäder in Deutschland

Bereits um 1800 entstehen in Deutschland die ersten Seebäder.  Das erste deutsche Seebad öffnet 1793 in Heiligendamm und nimmt bereits ein Jahr später den Kurbetrieb auf. Der Adel baut sich aufwendige Sommerresidenzen, die Bäderarchitektur entsteht.

Und so ist es auch den Seebädern geschuldet, dass es wie wohl nirgendwo anders auf der Welt bei uns Strandkörbe gibt. Denn der Hof-Korbmachermeister Wilhelm Bartelsmann bekommt von einer rheumakranken Frau im Jahr 1882 den Auftrag, ihr eine komfortable Sitzgelegenheit für den Strand zu bauen, in der sie geschützt vor Sonne und Wind die heilende Seeluft genießen könne. Dass diese Dame damit einen einzigartigen Siegeszug eines typisch norddeutschen Strandmöbels initiiert, hat sie wohl kaum zu träumen gewagt.

Urlaub für die Mittelschicht

Für die neue Arbeiterklasse bleiben Urlaube zu den Seebädern oder gar ins Ausland unerschwinglich. Sie suchen ab etwa 1850 ihre Erholung entweder in Sonntagsausflügen oder in der Sommerfrische- einem Urlaub in erreichbarer Nähe in einer einfachen Pension, bevorzugt in die Berge oder an einen See. Die Herbergen dienen maximal dem Nebenerwerb, während die Haupteinnahme der Gastgeber beispielsweise die Landwirtschaft bleibt. Die hierher kommenden Touristen sind recht standorttreu, sie kommen Jahr für Jahr immer an den gleichen Ort und haben hier für ein paar Tage im Jahr ihr zweites Zuhause.

Für die Sonntagsausflügler, die sich in die entsprechende Sonntagskleidung bringen, führt der Weg in die nächste Stadt. Städte sind durch die Industrialisierung an sich ein sehr junges Phänomen. Man geht ein wenig spazieren, um dann nahe eines Bahnhofes in eine Gastwirtschaft einzukehren. Durch den Zuwachs der reisenden und einkehrenden Familien entstehen die ersten Ausflugslokale.

Reisen nach dem ersten Weltkrieg

Der erste Weltkrieg hat dem Tourismus einen Strich durch die Rechnung gemacht. Auch, wenn es durchaus dauert, bis das Leid bis in die Städte kommt, lähmt der Krieg natürlich auch die wirtschaftlichen Verhältnisse. Band hat jede Familie Angehörige verloren. Reisen ins Ausland sind schlicht nicht mehr möglich. Die Eisenbahn wird zudem vermehrt für die militärische Logistik benötigt.

Nach dem Krieg kommt die Armut und die Neuorientierung. Nur langsam erholt sich der Tourismus im Einklang mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Familien. Die Arbeitsbelastung ist enorm, Krankheitsfälle, Kriegstrauma und zum Teil schwere Arbeitsunfälle sind ein immer ernster zu nehmendes Thema. Vor allem die SPD und die Gewerkschaften setzen sich nun für Erholungsmöglichkeiten der Arbeiter ein. Für viele Menschen der Arbeiterschaft gibt es zwischen drei und sechs Tage Urlaub im Jahr. Arbeiterschaft und mittleres Bürgertum kommen sich langsam etwas näher.

Wie in Deutschland entsteht auch in Frankreich zaghaft so etwas wie ein Urlaubsanspruch. Geringverdienern wird oft mit finanzieller Unterstützung ein Urlaub möglich gemacht.

Doch mit dem schwarzen Freitag und dem damit verbundenen Zusammenbruch der Börsen kommt es weltweit zu Millionen Arbeitslosen, auch in Deutschland schlägt die Armut und Aussichtslosigkeit zurück. Es kommt in den Städten zu Unruhen zwischen politischen Radikalen. Doch versucht man, Tourismus so erschwinglich wie möglich zu machen trotz einer horrenden Inflation, ein Zusammenbruch des Tourismus kann dadurch verhindert werden.

 

Teil 2 folgt an dieser Stelle in Kürze

Erzählt uns, wie Eure Eltern Urlaub gemacht haben, oder wie Ihr in Eurer Kindheit Eure Ferien verbracht habt. Schreibe uns gerne an redaktion@bordesholmer.land

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