Lorscher Bienensegen und die wilden Wiesen

Ist das nicht toll? Kaum noch Insektenreste auf unseren Autoscheiben, kein Surren mehr um unsere Nase, wenn wir gemütlich draußen Kaffee trinken. Keine Bienen und Hummeln mehr, die stechen könnten.

Genießen wir doch lieber auf einer Entspannungs-CD das Summen der Insekten und träumen uns dabei mitten in einer Wildblumenwiese liegend mit Vogelgezwitscher in der nahen Kastanie und dem dumpfen Glockenschlag der entfernten Kirche. Dabei liegen wir im Liegestuhl unseres Gartens mit dem perfekt getrimmten Rasen und dem chemisch sauber gehaltenden Fugen unserer Pflastersteine, alles ganz ohne Unkraut.

Zwar plakativ, aber durchaus real eingeleitet, hat es die Biene in unseren Breitengraden nicht leicht. Noch immer werden Pflanzengifte in unseren Gärten eingesetzt, noch immer unterdrücken wir jede Blüte auf unserem Rasen und noch immer lassen wir Dachbegrünung gerne die anderen machen. 

Dabei brauchen wir dringend, dringend, dringend Lebensraum für die Biene. Wildbienen gibt es ohnehin kaum noch, aber auch die gezüchteten Bienen verlieren immer mehr die Möglichkeit, zu überleben, weil ihr schlicht die Nahrung und der Lebensraum ausgeht oder sie sich in unserer zivilisierten Gesellschaft nicht mehr orientieren kann und in der Folge stirbt.

So kann man beispielsweise in der Nähe von Tankstellen mit intensiver Nachtbeleuchtung feststellen, dass es im direkten Umfeld kaum noch blühende Blumen gibt. Die Bienen, aber auch andere Insekten, die den Vögeln als Futter dienen, sterben an der Beleuchtung.

Stirbt die Biene, stirbt der Mensch

Schon Albert Einstein hat der Biene eine der wichtigsten Aufgaben unseres Planeten zugerechnet, nämlich, für unsere Ernährung zu sorgen. Sie gilt als eine der drei wichtigsten Nutztiere der Welt. In China gibt es bereits Regionen, in denen Menschen die Blüten bestäuben müssen, weil es keine Insekten mehr gibt.

Umso erfreuter in ich, in Mühbrook eine kleine Gemeindewiese neben dem Feuerwehrhaus entdeckt zu haben, in der eine bunte Mischung von wilden Blumen wachsen und gedeihen und für ein tolles Farbenmeer sorgen. Genau hier ist so ein Ort, an dem sich Biene, Hummel und Co wohl fühlen. Herzlichen Dank an die Gemeinde Mühbrook.

Schon seit einigen tausend Jahren ist den Menschen der Wert einer Biene bewusst und doch überrascht es vielleicht, dass die Biene eines der Tiere ist, die eine Erwähnung sogar in der Bibel, 2. Korinther 12, 2ff, finden.

Davon abgeleitet entstand etwa im 10. Jahrhundert der Lorscher Bienensegen, welcher zudem zu den ältesten bekannten Dichtungen der deutschen Sprache gehört. Er stammt wahrscheinlich aus dem mittelrheinischen oder oberrheinischen Raum. Das Original befindet sich heute im Vatikan. Der Segen sollte das Bienenvolk zu seinem Stock rufen. 

Christ, der Bienenschwarm ist hier draußen!
Nun fliegt, ihr meine Bienen, kommt.
Im Frieden des Herren, unter dem Schutz Gottes
kommt gesund zurück.

Sitzt, sitzt, Bienen.
Der Befehl kommt von der Jungfrau Maria.
Ihr habt keinen Urlaub.
Fliegt nicht in den Wald.

Weder sollt ihr von mir entgleiten.
Oder vor mir flüchten.
Sitzt im absolut Stillen
und erfüllt Gottes Willen.

Offenbar gibt es Parallelen zum englischen Bienensegen, den wir an dieser Stelle als deutsche Übersetzung zeigen.

Zu einem Bienenschwarm bring Erde, wirf sie mit
deiner rechten Hand von unterhalb deines rechten Fußes und sprich:
Greife ich unter den Fuß, so finde ich es.
Ja, die Erde hat Macht über jedes Wesen
und über den Ärger und über die Vergeßlichkeit
und über die Zunge des mächtigen Mannes.
Und nun wirf Sand über sie, wenn sie
schwärmen, und sprich:
Setzt euch, ihr Siegfrauen, kommt herunter zum Land.
Niemals fliegt ihr wild zum Wald. Ihr Bienen bedenkt, zu meinem Wohle
so wie jeder Mann es erwartet, dass er sein Fleisch und sein Erbe erhält.

Lorscher Bienensegen am Ratzeburger Dom | © mare.photo

Lorscher Bienensegen am Ratzeburger Dom | © mare.photo

Bei einem Besuch des Ratzeburger Doms haben wir den Bienensegen entdeckt, zusammen mit einem eigenen Bienenstock. Vielleicht könnte dieses Ensemble ein Vorbild sein, genau solch einen Bienenstock und eine Tafel mit dem Lorscher Bienensegen an der Bordesholmer Klosterkirche anzubringen, um an die Schönheit der Natur zu erinnern und an das eigene Verantwortungsgefühl zu appellieren. 

In Afrika sorgt u.a. Brot für die Welt für die Ansiedlung von Bienen, weil die Menschen dort hungern. Im Bordesholmer Land könnte jeder einzelne von uns etwas für die Biene tun, dass wir nicht eines Tages hungern.

Wenn jeder von uns, in seinem Garten und auf dem Balkon, nur eine kleine Fläche mit wilden Blumen erschafft, so ist das ein Anfang und ein wichtiger und schöner Beitrag. Die Kleinen sind manchmal die wirklich Großen.

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